„Diese Nachbarschaft ist eine Zumutung!“

„Diese Nachbarschaft ist eine Zumutung!“

NS-Profiteure sollen unter ein Dach mit Dokumentationsstätte für NS-Opfer

Wolfgang Mirosch war sieben Jahre alt, als er am 9.März 1943 aus seiner Familie herausgerissen und dann am 11. März, also vor genau 78 Jahren mit seinen drei Geschwistern und 300 weiteren Sinti vom Hannoverschen Bahnhof in Hamburg aus in einem mehrtägigen Transport direkt in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet wurde. Das Kind wurde zum Opfer für das Hass- und Mordbedürfnis der Nazis, die sich die Auslöschung der Juden, der Sinti und Roma, der Menschen mit Behinderung, der politischen Gegner und der „Slawen“ zum Ziel gesetzt hatten. Wolfgang Mirosch gehörte zu den Sinti.[1] An ihn und 8000 andere Menschen, die zwischen 1940 und 1945 vom Hann. Bahnhof aus in den Tod deportiert worden, erinnert seit 2017 der eindrücklich gestaltete Gedenkort am Lohsepark in der Hafen-City.

Mehr als sieben Jahrzehnte hat es gebraucht, bis sich die Stadt Hamburg an diesem Bahnhof des Verbrechens sichtbar zur Schuld bekannte.[2] Inzwischen lebten die meisten der Menschen nicht mehr, die dieses Verbrechen möglich gemacht hatten: die Sekretärin, die den Namen von Wolfgang Mirosch in die Deportationsliste eintrug, die Männer, die den verängstigten Jungen abholten und zum Deportationsbahnhof führen, die Nachbarn, die nicht fragten oder protestierten, der oder die Lokführer auf der mehrtägigen Fahrt nach Auschwitz. Ihre Namen sind nirgendwo vermerkt. Ob sie sich ihrer Schuld bewusst waren oder nach 1945 bewusst wurden? Wie haben sie ihren Kindern, die so alt waren wie Wolfgang Mirosch, ins Gesicht geschaut? Wir wissen es nicht. Wir wissen aber, dass die meisten von ihnen ihre früheren Berufe fortsetzen und als Rentnerinnen oder Rentner einen ungefährdeten „Lebensabend verbringen“ konnten.

Wolfgang Mirosch (re.)
Wolfgang Mirosch (rechts)

Dass gleichzeitig die wenigen Überlebenden und Angehörigen der ermordeten Sinti und Roma von Behörden als „Zigeuner“ diskriminiert, von Nachbarn missachtet und in Medien weiterhin diffamiert wurden, hat keinen Protest hervorgerufen. Erst in den letzten Jahren gibt es Respekt, Interesse und Proteste gegen Diskriminierungen. Und endlich soll es in zwei Jahren als notwendige Ergänzung zum Gedenkort am Lohsepark in der Hafen-City auch ein Dokumentationszentrum geben, in dem nicht nur an Wolfgang Mirosch, sondern auch exemplarisch an andere vom Hann. Bahnhof deportierte Sinti und Roma, Jüdinnen und Juden erinnert wird. Und in dem Antworten gesucht werden auf die Fragen, warum unsere Großväter und Großmütter sich auf den faschistischen Wahn einlassen konnten, und wie heute seiner Wiederkehr begegnet werden kann.

Dass dieses Dokumentationszentrum ein angstfreier Raum sein muss für die Nachfahren der Opfer und unvereinbar ist mit der unmittelbaren Nachbarschaft zu einer Organisation oder Firma, die mit den Nazis gemeinsame Sache machte, schien selbstverständlich.

Doch vor wenigen Wochen gab es eine böse Überraschung für den Landesverein der Sinti, die Jüdische Gemeinde und all die Initiativen, die an der Planung des Gedenk- und Dokumentationsortes Hann. Bahnhof in Hamburg beteiligt sind. Im Wirtschaftsteil des Hamburger Abendblatts[3] erfuhren sie, dass das Büro-Gebäude, in dessen Erdgeschoss das Dokumentationszentrum eingerichtet werden soll, zum größten Teil mit 20.000 qm an die Wintershall Dea GmbH vermietet wird. Und dass noch ein schickes Restaurant geplant ist, gleich neben den Biographien von Menschen, die vom Hann. Bahnhof deportiert wurden.

Das Entsetzen über diese geschichtsverdrängende Zumutung ist groß. Esther Bejarano vom Auschwitz-Komitee und Arnold Weiß vom Landesverein der Sinti protestieren scharf.[4] Sie haben allen Grund:

Wintershall und sein Miteigentümer und Geschäftsführer August Rosterg waren auf vielfache Weise mit dem Nazi-Regime verflochten. Schon im Februar 1931 nahm Rosterg an einem Geheimtreffen mit Adolf Hitler im Berliner Hotel Kaiserhof teil. Bald darauf wurde er zusammen mit anderen Industriellen Teil des sogenannten „Keppler-Kreises“, einer Gruppe um den Hitler-Vertrauten Wilhelm Keppler, die die NSDAP durch großzügige Spenden unterstützte. Der Betrieb war entsprechend der NS-Volksgemeinschafts-Ideologie organisiert. Ab 1936 wurde er aufgrund seiner engen Zusammenarbeit mit der Wehrmacht als Rüstungsbetrieb eingestuft. Unter deutscher Besatzung expandierte Wintershall nach Österreich, Polen, Ungarn und in die Ukraine. Zugleich profitierte der Konzern von der Beschäftigung von knapp 10.000 Zwangsarbeiter:innen. Dabei war es gängige Praxis, dass Zwangsarbeiter:innen vom Werksschutz an der Baracke abgeholt und auch wieder dorthin zurückgebracht wurden.[5] August Rosterg war bei dem Ganzen so erfolgreich, dass er 1945 persönlich über ein Vermögen von 200 Mio. Reichsmark verfügte. Wintershall wurde im Bereich der Sowjetischen Besatzungszone enteignet, blieb aber in der BRD unbehelligt. Seit 1969 gehört Wintershall zu BASF, einem Nachfolgekonzern der IG Farben, die an der Herstellung von Zyklon B beteiligt und Betreiber eines firmeneigenen KZ war. Auch die Deutsche Erdöl AG (DEA), mit der Wintershall 2018 fusionierte, profitierte von der NS-Terrorherrschaft. 

Wie konnte es dazu kommen, dass man diesem Unternehmen das Gebäude über dem Dokumentationszentrum vermietete? In einer zwischen der Kulturbehörde und dem Investor Müller-Spreer 2019 geschlossenen Vereinbarung hieß es noch: „Der Eigentümer verpflichtet sich, das Gebäude nicht selbst oder durch Dritte in einer Weise zu nutzen oder nutzen zu lassen, die in der öffentlichen Wahrnehmung und insbesondere in der Wahrnehmung der Opfer des Nationalsozialismus und ihrer Interessenorganisationen im Konflikt mit dem Zweck des Dokumentationszentrums steht oder der Ausstrahlung eines Gedenkortes abträglich ist.“ Klingt zwar etwas bürokratisch, ist aber eindeutig: Die Vermietung an eine Firma, die vom NS-Regime profitiert hat, ist mit der „Ausstrahlung eines Gedenkortes“ unvereinbar.

Soweit der Vertrag. Und die Praxis? Der Investor Müller-Spreer hielt es nicht für nötig, die Opfer und deren Nachfahren über die geplante Vermietung an Wintershall zu informieren und zu befragen.  Die stadteigene HafenCity GmbH, die das Grundstück an den Investor vergeben hat, hielt es nicht für nötig, eine Reglung zur konkreten Überprüfung der Vertragseinhaltung zu treffen. Und der Senat incl. Kultursenator waren nicht imstande oder willens, für die Beteiligung der Opferverbände an der Entscheidung des Investors über die Mieter zu sorgen. Jetzt geben sich alle überrascht über die raffiniert- einfältige Auslegung des Vertrages durch den Investor. Er habe das so verstanden, dass z.B. nicht an die AFD vermietet werden dürfe. [6]Auf den Gedanken, dass die AFD in Hamburg große Büroflächen suchen könnte, muss einer erstmal kommen.

Und Mario Mehren, heutiger Chef von Wintershall Dea, beteuert, dass man inzwischen die NS-Geschichte der Firma habe aufarbeiten lassen, zudem demokratiefördernde Projekte unterstütze. Man könne sich also durchaus eine „gute Nachbarschaft“ zum Dokumentationszentrum vorstellen. Das mag sein, könnte sich Wintershall dann eine Art „Fair-Memorial“-Siegel an die Firmentür kleben, nicht schlecht für internationale Öl-Geschäfte. Das läge dann wieder in der Tradition August Rostergs, der als „ökonomischer Opportunist …. stets versucht habe, im Rahmen der jeweiligen politischen Situation gewinnbringend zu wirtschaften“ – so die hauseigene Aufarbeitung.[7] Man will ja auch weiterhin gewinnbringend wirtschaften.

Dass für die Überlebenden, ihre Nachfahren und alle geschichtsbewussten Menschen diese Nachbarschaft eine Zumutung ist, kommt dem Wintershall-Chef nicht in den Sinn.

Was also wäre zu tun? Mal angenommen, Hamburgs Kulturbehörde meint es ernst mit ihrem Bedauern über die Missachtung der Verfolgtenverbände und ihrer eigenen „Stiftung Gedenkstätten“, müsste sie auf Einhaltung der Vereinbarung durch den Investor bestehen und das auch gerichtlich durchfechten. Aber da das nach aller bisherigen Erfahrung kaum zu erwarten ist, bliebe noch ein anderer Weg: Es wird ein eigenes Gebäude für das Dokumentationszentrum am Lohsepark errichtet. Der Platz wäre da, für die Erinnerung an Wolfgang Mirosch und all die anderen, die vom Hann. Bahnhof in den Tod wurden. Aber ebenso zur Aufklärung über die Hamburger Bürgerinnen und Bürger, die an diesen Deportationen beteiligt oder direkt dafür verantwortlich waren. Diese Erinnerung stört und ist darum notwendig.

PS.   Zum Gedenken am ehemaligen Hannoverschen Bahnhof am 11. März 2021 erinnerte Arnold Weiß, der Vorsitzende des Landesvereins der Sinti in Hamburg, an die jahrhundertelange Erfahrung von Hass und Verfolgung, den Nazi-Massenmord an Sinti und Roma und die bis heute anhaltende Diskriminierung. Seine eindrückliche Rede ist hier zu finden.

[1] https://hannoverscher-bahnhof.gedenkstaetten-hamburg.de/de/

https://geschichte-bewusst-sein.de/biografien/wolfgang-helmut-mirosch-auch-mirusch/

[2] https://www.ndr.de/geschichte/schauplaetze/Die-Gedenkstaette-Hannoverscher-Bahnhof,gedenkort122.html

[3] https://www.abendblatt.de/hamburg/article231338916/Hamburg-Oelproduzent-Wintershall-Dea-zieht-in-die-HafenCity-Buerogebaeude-Umzug-Lohsepark.html

[4] https://www.mopo.de/hamburg/gebaeude-in-der-hafencity-auschwitz-komitee-bestuerzt-ueber-neuen-mieter-38113744

https://taz.de/Sinti-Vertreter-ueber-Gedenkort-Plaene/!5746866/

[5] http://landesverein-hamburg.de/aktuelle-nachrichten.html

[6] https://taz.de/Streit-ueber-Vermietung-an-NS-Profiteur/!5745068/

[7]https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8484

*) Dieser Beitrag erschien am 11.3.2021 in der Hamburger Morgenpost.

 

Bildquellen

  • Wolfgang Mirosch: https://geschichte-bewusst-sein.de/biografien/wolfgang-helmut-mirosch-auch-mirusch/ Privatbesitz
  • KJ_20200516_020hp-d02d81a2: Kati Jurischka Fotografie

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1 Comment

  1. Werte Macher des Linksabbieger, lieber Ulrich, das Stück zu Wintershall interessiert mich als Hamburger. Es hat mich aber auch berührt als Emsländer, einer Region in der bis heutzutage Erdöl und Gas gefördert wird und in der durch verschachtelte Beteiligungen Wintershall immer beteiligt war und ist,.
    Namentlich mit der „ Gewerkschaft Elverath“ war Wintershall an der Ausbeutung von Gasfelden im Emsland verbunden.
    In meinem Heimatdorf Dalum war die erdölfördernde „ Elverath“ jahrzehntelang nach dem Krieg die prägende Industrie und de größte Arbeitgeber, bei dem mein Onkel an führender Stelle und mein Vater und später auch mein Bruder Arbeit gefunden hatten.
    Mein Onkel hat frühzeitig als Ingenieur bei der Elverath gearbeitet, ua in Kroatien. Was hatte die Elverath und er dort zu suchen? In einer „ Chronik“ zur Geschichte der Elverath heißt es dazu lapidar „1942: Das Tätigkeitsfeld wird im Zuge der staatlichen Lenkung auf SO-Europa ausgedehnt. Elverath hat die Federführung in Kroatien und Serbien zu übernehmen.“
    Schon lange vorher hat sich der Chef und Mehrheitsbesitzer der Wintershall, Rosterg, ein Drittel der Anteile an der Elverath gesichert. Seine frühe Zusammenarbeit mit der NSDAP wird sehr geholfen haben, die Ausbeutungsrechte im besetzten Kratien und Serbien erhalten zu haben.
    Im Emsland, namentlich dem Erdölfeld Dalum beginnt dieFörderung 1942. Im Emsland existieren zahlreiche Lager für Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und gegen Ende des Krieges auch Juden, die auch für die Elverath als Arbeiter eingesetzt, drangsaliert und brutal ausgebeutet werden.Immer profitiert auch die Wintershall.
    Erst jetzt beginnt die Gemeinde Dalum mit dem Aufbau einer Gedächtnisstätte in den kleinen Resten dieses Lagers.

    Im Jahr 2020 (!) ist ein Buch mit dem Titel „ Expansion um jeden Preis“ erschienen. Es beschreibt minutiös im Auftrag der Wintershall die frühe und immer mehr ausgebaute Verbindung des Rosterg und seiner Wintershall mit der NSDAP und der Naziherrschaft,

    In den letzten Kapiteln wird das Schicksal hunderter und tausender Zwangsarbeiter dargestellt, die in den Betrieben der Wintershall arbeiten mussten.
    Das letzte Kapitel gibt ernüchternd Einblick in die sehr verzögerte Aufarbeitung der Nazigeschichte des Rosterg und stellt fest: „…es bleibt noch viel zu erforschen.“
    Das Buch ist sehr zu empfehlen für die weitere Auseinandersetzung..

    Die Wintershall ist nach all dem keine zumutbare Nachbarschaft für die Gedenkstätte.

    Peter Schwanewilms

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