Militaristisches Spektakel zur Niederlage

Militaristisches Spektakel zur Niederlage

Für den 13. Oktober plant die Bundesregierung anlässlich der Beendigung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan jenen schon einmal verschobenen „Großen Zapfenstreich“. Weil wir es für wahrscheinlich hielten, dass sich die evangelische Kirche über die Militärseelsorge an diesem militaristischen Spektakel beteiligen wird, haben wir zusammen mit zunächst 7 anderen Theolog:innen Ende September einen Brief an die beiden höchsten Repräsentant:innen der evangelischen Kirche geschrieben und gebeten, darauf hinzuwirken, dass sich die EKD dieser Inszenierung komplett verweigert und stattdessen diesen 20-jährigen Kriegseinsatz in kirchlich angemessener Weise würdigt.

In einer Pressemitteilung, die auf erfreulich viel Resonanz stieß, haben wir jetzt auch öffentlich auf unsere kleine Initiative hingewiesen: Dieses höchstrangige staatliche Ritual militärischer Ehrung sei das denkbar ungeeignetste Mittel, den zurückgekehrten Soldat:innen und ihren afghanischen Mitarbeiter:innen in ihrer komplexen Gefühlslage von Scheitern, Trauer und Trauma Respekt zu erweisen und könne in dieser Situation öffentlich nicht anders verstanden werden als Zynismus gegenüber den Opfern einer gescheiterten Politik. Zudem tradiere dieses Ritual eine im preußischen Königtum geschaffene Glorifizierung und gesellschaftliche Sonderstellung des Militärs und sei deshalb mit einer nicht-militaristischen Demokratie unvereinbar. Die Zeremonie baue auf der religiösen Überhöhung und Weihe militärischer Bereitschaft und militärischer Einsätze auf: „Der zentrale Einsatz des der christlichen Mystik zuzurechnenden Liedes ‚Ich bete an die Macht der Liebe‘ …  ist eine blasphemische Funktionalisierung der gewaltlosen Liebesbotschaft Jesu für einen militärischen Festakt.“ Sie grenze zudem Menschen ohne Religions- oder Kirchenzugehörigkeit aus und sei deshalb unvereinbar mit dem religiösen Neutralitätsgebot der Verfassung.

Statt sich an diesem militärischen Ritual zu beteiligen solle die Kirche diejenigen, die am Krieg in Afghanistan eingesetzt waren, in seelsorglichen und gottesdienstlichen Angeboten begleiten. Hilfreich wäre auch eine „Nach-Denk-Veranstaltung, die die (Vor-) Geschichte der militärischen Einsätze und Kriege in und um Afghanistan, die deutsche Beteiligung, deren Begründung und Auswirkungen kritisch, also auch in dezidiert nicht-militärischer Perspektive thematisiert.“ Die Expertise dafür sei in den zahlreichen kirchlichen oder von der Kirche unterstützen Einrichtungen vorhanden und abzurufen, z.B. der Friedensforschung, Entwicklungszusammenarbeit und Flüchtlingshilfe.   (Hier die gesamte Pressemitteilung im Wortlaut.)

Parallel erschien in der Hamburger Morgenpost ein längerer Beitrag von Ulrich Hentschel zu diesem Thema.

Übrigens: Es lohnt sich, gerade jetzt noch einmal Georg Schramm anzuhören, der schon vor 11 Jahren (!) eine ebenfalls öffentliche Trauerfeier zu getöteten Soldaten in Afghanistan in der “Anstalt” auf seine ganz eigene Weise kommentierte.

Bildquellen

  • Großer Zapfenstreich: By Bundeswehr-Fotos, Bundeswehr/Poppke - Großer Zapfenstreich, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11556212

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