Demonstrieren unter Israel-Flaggen – warum ich dabei war

Demonstrieren unter Israel-Flaggen – warum ich dabei war

„Sehen wir Dich?“ simste mir der Mann aus der Jüdischen Gemeinde, mit dem ich seit einigen Monaten in einem aufmerksamen und freundschaftlichen Kontakt bin, und er fügte den kurzen und kräftigen Aufruf für einen Schweigemarsch am 16. Oktober in der Hamburger Mönckebergstraße bei. Es ging nicht nur um Solidarität mit dem Demonstranten, der wenige Wochen zuvor während einer Pro-Israel-Mahnwache brutal zusammengeschlagen worden war, sondern auch um die selbstbewusste Sichtbarmachung jüdischer Gemeinschaften in Hamburg und – man muss es so sagen – das selbstverständliche Recht auf Israel-Solidarität. Ich ging also hin. Nach einem kurzen inneren Dialog habe ich mich entschieden, meine Erfahrung mit dieser Demonstration und meine Reflektionen dazu öffentlich zu machen.

Bis auf meinen Einlader kannte ich keinen Menschen. Und dachte still bei mir, dass wohl viele meiner linken Freundinnen und Freunde kein Verständnis dafür haben würden, dass ich hier mitlaufe. Es war in der Tat auch für mich etwas befremdlich unter den großen Israel- Flaggen und neben den Menschen mit ihren kleinen Israel- Fähnchen, die mich für einen Moment an die Begrüßungsparaden bei ausländischen Staatsbesuchen erinnerten. Aber hier ging es ja nicht um einen Staatsbesuch, sondern um die einfache Tatsache, dass ein Mensch allein wegen seines Tragens einer Israel-Flagge angegriffen wurde.

Die Eröffnungsrede der Initiatorin war klar und kämpferisch und grenzte sich auch eindeutig von antimuslimischem und jeglichem Rassismus ab. Das aggressive Erstarken des islamistischen Antisemitismus dürfe nicht zu einer Diffamierung von Muslimen führen.

Allerdings gab es in der Rede zwei Passagen, die ich nicht nur befremdlich, sondern auch falsch fand:

Zum einen begrüßte die Initiatorin ausdrücklich Christoph de Vries von der CDU, obwohl der Schweigemarsch ohne jede parteipolitische Inanspruchnahme stattfinden sollte. Ein CDU-Fähnchen hätte lange nicht eine so starke Wirkung gehabt wie dieses kräftige Lob, das viel Beifall bekam.

Wie ist das mit rechtem und linkem Antisemitismus?

Zum anderen aber, und das ist gravierender, wiederholte die Rednerin die übliche Floskel von der Absage an jeden Antisemitismus, den rechten (mit wenigen Worten), den linken (mit mehr Worten) und den islamistischen. Ähnlich hatte sich zwei Wochen zuvor schon die grüne Senatorin Fegebank geäußert: „… Es gibt den rechtsextremen, den linksextremen Antisemitismus … den aus Israel-Skepsis und -Hass geprägten, der auch aus der arabischen Welt transportiert wird“[1]

Klar war und ist für mich, dass bei dieser Kundgebung der islamistische Israel-Hass im Zentrum stehen musste. Der Täter war ein junger Mann aus Syrien. Falsch war und ist aber, „linken Antisemitismus“ gleichzusetzen mit dem rechten Antisemitismus. Ja, es gibt Antisemitismus und obsessiven Israel-Hass in Teilen der Linken (was jedoch etwas anderes ist als linker Antisemitismus). Aber es gibt in der Linken seit Jahrzehnten eine heftige Auseinandersetzung mit diesem Israel-Hass. Ich bin daran beteiligt und mache mich dabei in meinen linken und kirchlichen Kreisen nicht gerade beliebt. Ich weiß aber auch, dass es viele linke, oft junge Antifaschist*innen gibt, die sich überall im Land mit faschistoiden und antisemitischen Gruppierungen auseinandersetzen und herumschlagen müssen. Schon deshalb verbietet es sich, linken und rechtsextremen Antisemitismus gleichzusetzen. Das schwächt den Kampf, der bei allen Differenzen und notwendigen Debatten ein gemeinsamer werden könnte und müsste.

Doch hat dieser Kampf eine Voraussetzung: Er sollte mit der Kritik und Selbstkritik in den Organisationen und Berufsfeldern beginnen, in denen wir selbst aktiv bzw. beschäftigt sind, also in der sogenannten Mitte der Gesellschaft.  Für mich heißt das: in der Evangelischen Kirche. Da gibt es den aggressiven und gewaltheischenden Antisemitismus eines Martin Luther nicht mehr. Aber doch zu viele Beispiele für sekundären Antisemitismus („Das Schuldbewusstsein der Deutschen lässt sie ihre Augen verschließen vor dem Leid der Palästinenser, z.B. im Völkergefängnis Gaza…“)

In Gewerkschaften, in Polizei, Bundeswehr, Parteien, anerkannten Medien – das Spiel mit antijüdischen und antiisraelischen Ressentiments ist kein Spiel. Wer also zu Recht den Antisemitismus in der Linken angreift, sollte vom Antisemitismus in Kirchen, Gewerkschaften, Medien etc. nicht schweigen.

Und die Flaggen?

„Du lehnst doch sonst immer die Deutschland -Fahne ab, jetzt aber marschierst du unter Israel-Fahnen?“ werde ich kritisch gefragt. Zu Recht. Für meine Antwort mache ich einen kurzen Rückblick in meine (und unsere) politische Biographie. In den 70ern habe ich unter vielen Fahnen demonstriert, vermutlich auch die eine oder andere – so genau erinnere ich das nicht- selbst getragen. Die Flagge des Vietkongs wurde 1976 zur offiziellen Staatsflagge. Die Flagge Kubas gefällt mir immer noch. Dann gab es die Flaggen der verschiedenen afrikanischen Befreiungsbewegungen in Namibia, Südafrika, Angola, Mozambique, Zimbabwe, später die der Sandinisten in Nicaragua. Diese alle wurden, soweit ich das im Moment sehe, allerdings nicht zu Staatflaggen. Dafür gab es auf Demos noch die Staatsflaggen der UDSSR und Chinas, von den scharf konkurrierenden Organisationen präsentiert. Seit langem ist auch die palästinensische Flagge auf Demonstrationen zu sehen, wie in den Zeiten der Friedensbewegung und bei der Großdemonstration zu G20 am 8.Juli 2017, an der ich teilgenommen habe, wenn auch mit gehörigem Abstand.

Was daraus folgt? Flaggen sind keine unveränderlichen Heiligtümer. Ihr Hissen und Tragen ist jeweils Ausdruck einer bestimmten politischen Überzeugung. Und weil ich der bestimmten politischen Überzeugung bin, dass der Staat Israel nicht nur eine Existenz-Berechtigung (welch herablassende Klassifizierung!) hat, sondern selbst mit und trotz falscher Regierungspolitik einen Schutzraum bietet für Menschen, die auf diesen Schutz angewiesen sind, und für eine Kultur, die zur Humanisierung im westlichen Bereich unserer Welt wesentlich beigetragen hat, werde ich, wenn es nottut, wieder unter israelischen Fahnen mitgehen. Selbst tragen muss ich sie ja nicht.

 

[1] https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hamburg_journal/Mahnwache-gegen-Antisemitismus-und-fuer-Israel,hamj114378.html

 

Bildquellen

  • Aufruf Demo: Selbst

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