Billiges Gedenken

Billiges Gedenken

Oha, der 8. Mai, Tag der Befreiung vom deutschen Faschismus 1945 durch die Alliierten, soll auch in Hamburg ein „Gedenktag“ werden. Im Unterschied zu einem staatlichen Feiertag, der Arbeits- und Lkw-frei ist, kostet das nämlich nix. Mit einer Ausnahme: für das Hissen der Deutschlandfahne (Schwarzrotgold) auf öffentlichen Gebäuden müssen die zuständigen Hausmeister bezahlt werden. Ansonsten werden vermutlich einige Kränze abgelegt und einige Reden mit den nur leicht aktualisierten Versatzstücken aus den Vorjahren gehalten werden, in einem „würdevollen Rahmen“ wie der SPD-Fraktionsvorsitzende verspricht. Wir haben es hier mit einem weiteren staatlichen Gedenkritual zu tun, das den so geliebten Titel „Weltmeister des Erinnerns“ noch ein wenig mehr vergoldet. Und das für umsonst.

Dieses die Unternehmenskassen schonende Gedenken fügt sich gut in die offizielle Hamburger Erinnerungspolitik, die sich auszeichnet durch weitestmögliches Entgegenkommen an Investoreninteressen und das Bemühen, bei der Einrichtung von Erinnerungsorten möglichst billig wegzukommen. Der beschämende Umgang mit dem Stadthaus ist dafür nur das bekannteste Beispiel. Das Steuergeld wird bekanntlich andernorts dringender gebraucht, zum Beispiel für die viele Millionen teure Befreiung (passt doch!) des Hamburger Hafens vom Schlick, damit dort einige Riesenschiffe aus dem chinesischen Riesenreich ihre Container möglichst citynah entladen können.

Aber seien wir nicht ungerecht gegenüber der ganz großen Koalition im Hamburger Rathaus: beeindruckt von den Feierlichkeiten zu Ehren Martin Luthers und seiner Reformation am 31. Oktober 2017 beschloss die Bürgerschaft ein Jahr später im Eilverfahren die Einführung eines staatlichen, also nicht billigen arbeitsfreien Feiertages, camoufliert als „Tag der Reformation“, aber hinter den Kulissen als Halloween-Party verbucht. Während sich die Kirchen über den inzwischen sechsten staatlichen Feiertag zu einem kirchlichen Anlass freuten, blieb die muslimische, jüdische und nicht religiös gebundene Bevölkerungsmehrheit draußen vor der Tür.

Aber da ist die Bürgerschaftsmehrheit ganz schmerzfrei. Was dem Judenfeind und Antisemiten Martin Luther zugestanden wurde, wird der Jüdin Esther Bejarano verweigert. Sie hatte sich in den letzten Jahren ihres Lebens vor allem für die Einführung eines staatlichen Feiertages am 8. Mai als Tag der Befreiung eingesetzt. Ist es Mut oder Ignoranz, wenn sich SPD, Grüne und CDU dieser Aufforderung von Esther Bejarano verweigern, sich gleichzeitig aber bei dem Beschluss für den Gedenktag auf sie berufen?! In jedem Fall handelt es sich um einen billigen argumentativen Trick für ein billiges Gedenken.

 

(Dieser Beitrag erschien am 9. Mai 2022 auch in der Hamburger Morgenpost.)

 

 

Bildquellen

  • Anse_-_Place_du_8_Mai_1945_-_Plaque: Romainbehar by Wikimedia Commons

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