„… ein langer schmerzvoller Ablösungsprozess“?

„… ein langer schmerzvoller Ablösungsprozess“?

Mitte Oktober erscheint in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Eingetrübt“ (hier lesen) ein lesenswerter Beitrag von Till Briegleb über die lebenslange Verehrung des Hitler-verehrenden Malers Emil Nolde durch Helmut Schmidt. Nur an einer Stelle wird der Artikel auffällig schwammig, wenn es heißt, dass Helmut Schmidts „langer schmerzvoller Ablösungsprozess … mit dem Zusammenbruch wohl abgeschlossen war“. Mindestens drei Fakten sprechen dagegen.

  1. Schon 1957 hatte Helmut Schmidt, damals noch als Abgeordneter des Bundestages, auf einer Veranstaltung ehemaliger SS-Angehöriger (organisiert in der HIAG – Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen SS) diesen seine Reverenz erwiesen: »Wenn wir damals in Russland wussten, rechts oder links von uns, oder vor uns, liegt eine Division der Waffen‐SS, dann konnten wir ruhig schlafen.“ Schmidt war als Offizier an der Ostfront eingesetzt, an der Blockade Leningrads beteiligt und wurde in dieser Zeit mit dem Eisernen Kreuz 2.Klasse ausgezeichnet.                                                .
  2. Als Bundeskanzler setzte sich Helmut Schmidt im März 1976 für die Freilassung des in Italien inhaftierten Kriegsverbrechers SS-Obersturmbannführers Herbert Kappler ein. Der war u.a. verantwortlich für die Deportation von mehr als 1000 Juden nach Auschwitz und Organisator des Massakers an 335 italienischen Zivilisten im Alter von 15 bis 74 Jahren in den Ardeatinischen Höhlen im Süden Roms, von denen er einige eigenhändig durch Genickschuss ermordete, um seinen »Kameraden« zu zeigen, wie man das »effektiv« durchführt. Helmut Schmidt schrieb seinem italienischen Kollegen, dass die weitere Inhaftierung dieses Mannes »auch bei wohlmeinenden Kreisen der deutschen Öffentlichkeit zu starker Beunruhigung führen würde«. Er wusste sich da in Übereinstimmung mit Bundespräsident Lübke, der Katholischen Bischofskonferenz und dem Rat der EKD. Die Bundesregierung beließ es nicht bei Appellen. Sie trug auch das ihre zur Befreiung Kapplers bei, indem sie zahlreiche Flüge seiner Ehefrau nach Rom finanzierte. Mit ihrer Hilfe konnte Herbert Kappler 1977 in die Bundesrepublik fliehen.
  1. Und noch 1994 hat Helmut Schmidt in einem Gespräch u.a. mit Richard von Weizsäcker die Wehrmacht zum „einzigen anständigen Verein im Dritten Reich“ geadelt. Anständig? Gauland hätte es nicht klarer sagen können. Schon damals war im demokratischen Spektrum der deutschen Gesellschaft und der Historikerzunft geklärt, dass der Zweite Weltkrieg ein Angriffs- und Vernichtungskrieg war, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen. Der „Ablösungsprozess“ von der verbrecherischen Wehrmacht, der wichtigsten Säule der Nazi-Diktatur, hat bei Helmut Schmidt nicht stattgefunden.

Auch wenn all diese Tatsachen seit langem bekannt sind, werden sie doch weitgehend ignoriert.  Denn Helmut Schmidt soll weiterhin verehrt werden können. Eine Erinnerungstafel in „seinem Michel“, eine ähnliche Tafel der liberalen Patriotischen Gesellschaft, ein Flugplatz, eine Universität, eine Schule – mit Helmut Schmidt hat das säkulare Hamburg endlich einen Heiligen gefunden.

Bildquellen

  • letters-1834501_1920: Pexels von pixabay

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