Protestantismus und Erster Weltkrieg  –  Ein Lesebuch *)

Protestantismus und Erster Weltkrieg – Ein Lesebuch *)

„Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, aufbewahren für alle Zeit. Was stünde da? Da stünde, unter andern Sätzen: Lasst Euch nicht von den Eignen täuschen.“            Christa Wolf in „Kassandra“

Der erste Weltkrieg wurde vor mehr als 100 Jahren mit der Niederlage des deutschen Kaiserreichs beendet. Das ist lange her, eine alte grausame Geschichte. Warum also daran erinnern, warum sich heute mit den kriegsbegeisterten Propaganda-Bildern und Predigten, Liedern und Zeremonien von damals konfrontieren? Denn man habe doch aus der Geschichte gelernt, so das Credo, und das wiedervereinigte große Deutschland sei eine friedliche und friedliebende Demokratie, fernab von militärischen Aktionen und Großmacht- Ambitionen. Daran kann man glauben – und es wird viel dafür getan, dass wir so glauben. Man kann aber auch und sollte sogar skeptisch und ungläubig sein und einige Fakten ins Bewusstsein bringen:

  • Die Rüstungs-Ausgaben werden massiv gesteigert.[1] Um ganze zehn Prozent hat Deutschland 2019 seine Militärausgaben im Vergleich zum Vorjahr auf ca. 50 Milliarden Dollar erhöht. Kein anderes Land unter den Top 15 der Welt verzeichnete einen so starken Anstieg. So also wurde und wird realisiert, was Bundeskanzler Helmut Kohl 1982 unter dem Druck der damaligen Friedensbewegung in seiner Regierungserklärung proklamiert hatte: „Frieden schaffen mit immer weniger Waffen: Das ist die Aufgabe unserer Zeit.“
  • Rüstungsproduktion und- exporte werden ungeachtet aller öffentlichen Versprechen weiter gesteigert. Zahllose Menschen werden verletzt, getötet oder in die Flucht getrieben.
  •  Noch immer weigert sich Deutschland, dem Vertrag  zum Verbot von Atomwaffen    beizutreten und hält sich damit die Option auf eigene Atomwaffen offen.
  • Gleichzeitig werden junge Menschen mit dem Versprechen auf Abenteuer und Kampf zur Bundeswehr und ihre Einsätze u.a. in Afghanistan gelockt.
  • 1999 kam es mit den Luftangriffen der Bundeswehr auf Jugoslawien zum ersten aktiven Kriegseinsatz, damals gegen viele Proteste durchgesetzt von der SPD/Grünen-Regierung.
  • Das Ziel dieser Politik wurde 2014 an herausragender Stelle vom deutschen Staatsoberhaupt, Bundespräsident Gauck proklamiert: Deutschland müsse auch im militärischen Bereich weltweit nach mehr Einfluss und Macht streben und „Verantwortung“ übernehmen.
  • Bald danach beteiligte sich die Bundeswehr an NATO-Militärübungen in Osteuropa – trotz aller gegenteiligen Versprechungen im Zusammenhang der Auflösung der DDR in die BRD.

Diese Entwicklung Deutschlands zu einer ambitionierten militärischen Großmacht bleibt zwar nicht unwidersprochen. Zahllose Initiativen und Proteste versuchen, ihr Einhalt zu gebieten. Aber es kommt zu keiner umfassenden Protestbewegung wie noch in den 80 er Jahren.  „Schwerter zu Pflugscharen“ war damals eine der Parolen in beiden deutschen Staaten. Doch aus der Traum. Die Schwerter der NVA wurden nicht umgeschmiedet, sondern weitergereicht in Länder, wo sie gewiss nicht dem Frieden dienen.

Und die Kirchen? Sie begleiten die Politik zunehmender Aufrüstung und Militarisierung mit Denkschriften, sorgenvollen Worten und theologisch-ethischen Erwägungen, stellen sie aber niemals grundsätzlich in Frage. Vor allem praktizieren und demonstrieren die Kirchen mit der gut ausgestatteten Militärseelsorge seit 1956 ihre enge Verbundenheit mit der Bundeswehr und ihren Einsätzen. Sie nimmt es auch hin, dass ihr regelmäßiger Protest gegen die Rüstungsexporte ohne Antwort und Resonanz der dafür Verantwortlichen bleibt. Gleichzeitig akzeptiert sie das Blutgeld der Kirchensteuereinnahmen von in der Rüstungsindustrie Beschäftigten. „Brot für die Welt“? Ja, auch schon und weiterhin wichtig für viele Menschen, aber doch lächerlich gering im Vergleich zu „Waffen für die Welt“.

Und jetzt, in diesen Zeiten, wo es so viel zu tun, also aufzuklären und zu protestieren gibt, legen wir ein Lesebuch zur ideologischen Unterstützung des deutschen Militarismus durch die Kirchen im Ersten Weltkrieg vor? Ja, eben und spätestens in diesen Zeiten ist solches Wissen notwendig. Denn wer versucht zu verstehen, warum zahllose Menschen, und damals vor allem die christlich sozialisierten, den Krieg unterstützten und Eltern ihre Kinder mit Begeisterung in die Schlachten und das Schlachten verabschiedeten, der wird auch eher verstehen, warum es in diesem Land immer noch und wieder zunehmend möglich ist, Menschen für militärisches Denken und Handeln zu gewinnen.

Auch wenn sie fürs Kriegsführen gebraucht werden, sind es nicht die gewalt- und kriegslüsternen Männer, die den Kampf gegen benachbarte Länder und „fremde“ Völker oder als minderwertig erachtete Gesellschaftsgruppen vorbereitet und dafür die Zustimmung in großen Teilen der Bevölkerung organisiert haben. Dafür braucht es „höhere Werte“, die es offensiv zu verteidigen (eine euphemistische Verharmlosung) gilt, ob in Frankreich oder Russland wie beim Ersten und bald darauf beim Zeiten Weltkrieg oder in unserer Zeit auch am Hindukusch oder im Arabischen Meer. Deutschlands Freiheit sei bedroht, die christliche Kultur, inzwischen häufig zur „jüdisch-christlichen Tradition“ hochgelogen, müsse vor dem Untergang bewahrt werden. Und vor allem: Der deutsche und unter seiner Dominanz auch europäische Lebensstandard und deutsche Investitionen müssten gesichert werden. Die Bundeswehr wirbt mit der Sorge, dass Bananen oder Handys nicht mehr in „unsere“ Supermärkte gelangen könnten. Auch hier geht es um Werte.

Zur breiten Akzeptanz vor allem der „höheren“ ideologischen Werte in der Bevölkerung sind „höhere“ und anerkannte Institutionen notwendig: Gewerkschaften, Parteien, Medien, Kultur- und Geistesgrößen und eben auch die Kirchen. Wie prominente Prediger, Kirchenleitungen und Gemeinden vor Ort ihre Werte weitgehend erfolgreich unter das Volk bringen, ist in diesem Buch zu studieren. Die Leserinnen und Leser mögen sich nicht mit Grauen von dem bluttriefenden und vaterlandspreisenden Pathos abwenden, sondern lernen, wie Kassandra-Wolfs immer noch gültige Regel zur Geltung kommen kann:

„Lasst Euch nicht von den Eignen täuschen“.

Dieses Buch enthält Dokumente und einige längere und kürzere Analysen. Konzipiert als Lesebuch erinnert es an Unterricht. Ja, es soll unterrichten und lehren. Seinen Zweck erfüllt es, wenn es ergänzend zu Christa Wolfs Kassandra noch weitere Regeln hervorbringt, die dazu beitragen, Vorkriege zu erkennen, über sie aufzuklären und ihnen entgegenzutreten.  Damit dieses Lesebuch „Protestantismus und Erster Weltkrieg“ möglichst vielfach genutzt wird, ist es auch als kostenloser Download hier  oder  hier  zu finden.

Initiiert wurde dieses Lesebuch von Peter Bürger. Er hat auch die wesentliche redaktionelle Arbeit, das Layout und die Koordination geleistet. Seine Erfahrung, Zielstrebigkeit und Freundlichkeit haben mich dabei ebenso beeindruckt wie seine fromme, pazifistische Zuversicht. Eine wesentliche Unterstützung gab es von Marlise Appel, die seit mehreren Jahren mit Recherche, Fotos und Texten die Website www.denk-mal-gegen-krieg.de betreut. Die Website ist ein Projekt der Evangelischen Akademie und wird begleitet und weiterentwickelt vom derzeitigen Studienleiter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit Stephan Linck, der seit fünf Jahren die Thematik in die kirchliche und nichtkirchliche Öffentlichkeit kommuniziert.

Peter Bürger und ich danken der Evangelischen Akademie der Nordkirche für die Kooperation und finanzielle Unterstützung des Lesebuchs.

Wir freuen uns, wenn unser Lesebuch unter die Leute kommt und wir Reaktionen, kritische Einwände, Fragen und weitere Hinweise zum Thema bekommen.

Ulrich Hentschel, im Dezember 2020

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/183064/umfrage/militaerausgaben-von-deutschland/

 

*)  Dieser Beitrag ist das Vorwort  zu folgendem gerade erschienenen Band:

Protestantismus und Erster Weltkrieg.  Aufsätze, Quellen und Propagandabilder.
Hg. Ulrich Hentschel & Peter Bürger (Kirche & Weltkrieg, Band 2). Norderstedt 2020.
(ISBN: 978-3-7526-0414-6 – 440 Seiten; zahlreiche farbige Bilddokumente – 17,80 €).
Direktbestellung und Leseprobe (oben links):
https://www.bod.de/buchshop/protestantismus-und-erster-weltkrieg-9783752604146
Mit Texten von Günter Brakelmann, Hansjörg Buss, Sebastian Dittrich, Jörn Halbe, Jakob Knab, Herbert Koch, Sebastian Kranich und Uwe-Karsten Plisch.

Bildquellen

  • Buchtitel: Eigene
  • PK3_Feldgottesdienst6: Archiv

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