“Mit Volk, Nation, Vaterland – damit ist kein Frieden zu machen!”

“Mit Volk, Nation, Vaterland – damit ist kein Frieden zu machen!”

Am 2.9.2023 fand am Deserteursdenkmal am Hamburger Dammtorbahnhof unter der Bezeichnung “Ludwig-Baumann-Fest” ein Antikriegsfest statt, das in der Tradition des Antikriegstags und der seit 2010 stattfindenden (Kriegs-) “Klotzfeste” stand.  Ulli Hentschel war um eine Redebeitrag gebeten worden, den wir hier zum Nachlesen dokumentieren.

Gestern, am 1. September vor 84 Jahren, überfiel die deutsche Wehrmacht auf Befehl Hitlers das Nachbarland Polen und eröffnete damit einen Zweiten Weltkrieg. Bis zur Befreiung durch die Alliierten und Widerstandsgruppen in vielen der besetzten Länder am 8. Mai 1945 wurden – die Zahlen sind unterschiedlich – mindestens 60 Millionen Menschen ums Leben gebracht. Nie wieder sollte es Krieg geben – das war die Parole und die Hoffnung quer durch alle Länder, die diesen von Deutschland verantworteten Krieg erleiden mussten.

Heute wissen wir: diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt, auch wenn sich in allen diesen Ländern mehr oder weniger große Bewegungen und Gruppen gegen Aufrüstung, Kriegsvorbereitungen und Kriegsbeteiligungen engagiert haben und dafür teilweise massiver Verfolgung ausgesetzt werden. Und seit dem Angriff der russischen Regierung auf die Ukraine sind dieser Friedenskampf und Antimilitarismus noch schwerer geworden. Eine Folge ist auch hierzulande, dass es große Differenzen zwischen all den Gruppen gibt, die zwar alle für Frieden eintreten, sich aber in ihren politischen Analysen und Werten teilweise fundamental unterscheiden. Auch wenn dieser Streit schmerzhaft ist und bisweilen alte Freundschaften und Kooperationen zum Ende bringt, ist er doch notwendig. Ich selbst will dabei nicht so vermessen sein, irgendwelche Lösungsvorschläge anzubieten, die ich auch gar nicht habe. Aber: Ich will eine Leitlinie nennen, die meines Erachtens unverzichtbar ist.

Der erste Weltkrieg, für den das Deutsche Reich, damals eine Monarchie, wesentlich mitverantwortlich, wenn nicht gar hauptverantwortlich war, bezog seine mörderische Kraft vor allem aus der emotionalen und ideologischen Identifikation der allermeisten Deutschen mit ihrem Volk, mit ihrem Vaterland. Die deutschen Sozialdemokraten hatten sich noch wenige Tage zuvor mit ihren französischen Genossen darauf eingeschworen, nicht aufeinander zu schießen Nun aber stimmten sie dann doch den Kriegskrediten zu. Sie wollten keine „vaterlandslosen Gesellen“ bleiben. Auch viele Künstler und Wissenschaftler teilten die Kriegsbegeisterung. Ihnen ging es vor allem um die angebliche Verteidigung der höherwertigen deutschen Kultur.

Beim Zweiten Weltkrieg war es anders: die SPD hatte sich der Übergabe der Macht an die faschistische NSDAP verweigert, viele ihrer Mitglieder engagierten sich im Widerstand, wurden dafür ermordet oder litten in KZs, gemeinsam mit den Mitgliedern der KPD – tituliert und beschimpft als Vaterlands und Volksverräter.  An dieser Stelle muss man es klar sagen: Im Sinne der faschistischen völkischen Ideologie waren sie es auch, weil sie sich ihr bewusst verweigerten.  Ihnen war bewusst, dass im Gefolge dieser nationalen, vaterländischen, völkischen Diktion Krieg, Verbrechen, Vernichtung kommen würden. 

Nach der Befreiung im Mai 1945 fanden sich die überlebenden Verfolgten aller Staaten, Kommunisten, Sozialdemokraten und Juden zusammen in dem Bekenntnis und der Verpflichtung: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg.“  In dieser Reihenfolge ! Denn sie wussten und hatten es gerade bitter erfahren: der Krieg war die logische und angekündigte Konsequenz einer faschistischen Volks -Gemeinschaft.

Den mentalen und emotionalen Kitt für diese Volks-Gemeinschaft bildet die Ideologie von der Höherwertigkeit des eigenen Volkes gegenüber anderen Völkern und gegenüber allen nicht dazugehörigen „Volksfremden“ im eigenen Land. Diese Ideologie legitimiert und forciert die Diskriminierung, die Verfolgung und sogar Vernichtung der „Minderwertigen“. Sie ist der Nährboden für Antisemitismus/ Judenhass und war eine Voraussetzung für Auschwitz.

Die ideologische Konstruktion und Propaganda einer Volks-Gemeinschaft, in der der einzelne Mensch nichts gilt, findet im Krieg ihre blutige Praxis. Das ist die Konsequenz daraus, wenn es heißt „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt!“  oder auch – wie gerade hinter mir: „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen“.

Hatte sich aber mit der Befreiung im Mai 1945 von der Nazi-Herrschaft auch diese Glorifizierung von Volk und Vaterland erledigt? Nein. Sie wirkte fort vor allem in völkischen und faschistoiden Gruppen, wie wir alle wissen. Auch im bürgerlichen Milieu blieben Volk und Vaterland eine feste Bezugsgröße, wenn auch weniger mit patriotischem Gebrüll als vielmehr in konservative Sprache verkleidet

Und ebenso war die neue Linke nicht frei davon, auch wenn sie immer warnte vor völkischem Denken und dieses bekämpfte. Aber gleichzeitig unterstützten wir – ich gehörte zu diesem „wir“ dazu – den Befreiungskampf der Völker in all seinen Variationen, besonders in der Solidarität mit den antikolonialen Kämpfen. Hier müssen jedenfalls wir älteren Linken selbstkritisch in die eigene Geschichte schauen und die jungen Linken sollten diese Geschichte auch kennen, damit sie unsere Fehler nicht wiederholen oder fortsetzen.

In diese Geschichte gehört auch die Zustimmung vieler friedensbewegter Menschen zur deutschen Wiedervereinigung. „Wir sind das Volk“, – Power to the People,… Als Parole für Demokratie, Selbstbestimmung und Frieden konnten wir dem nur zustimmen. Aber diese Parole war gleichzeitig eine Rutschbahn zum „Wir sind ein Volk“.  Die Einheit des deutschen Volkes in einer mächtigen Nation wurde zum Ansporn für völkisch-nationale Bewegungen überall in Europa, die sich im ehemaligen Jugoslawien sogar in brutalen Kriegen durchsetzten. (So war es war auch kein Zufall, dass Deutschland dort durch die früher Anerkennung sich abspaltender Volks -Staaten den kriegerischen Prozess beförderte.)

Nein, für und mit Volk und Vaterland ist kein Frieden zu machen. Linke sind als Kosmopoliten in diesem Sinne Vaterlands-Verräterinnen und -Verräter. Das gilt besonders für uns in Deutschland.

Zum Schluss drei Konkretionen:

  1. Wir brauchen keine Rhetorik verbaler Brandmauern, sondern eine antifaschistische Distanz gegenüber allen Versuchen, Querverbindungen zwischen rechts und links herzustellen.
  2. Deutschland-Fahnen haben auf Friedenskundgebungen nichts zu suchen. Denn es gibt keinen Grund, auf ein Deutschland stolz zu sein, dessen Militäretat ins Unermessliche gesteigert wird und das gesellschaftlich zunehmend militarisiert wird, wie zum Beispiel in Bundeswehr-Shows mit Kindern und Jugendlichen auf Panzern und mit Gewehren.
  3. Und es darf keine Zusammenarbeit mit völkischen und nationalistischen Parteien und Gruppen geben, gerade auch wenn diese sich wie die AFD als Friedenspartei camouflieren (verkleiden).

Bildquellen

  • Kriegsklotz-Event 2. Sept. 2023 kl.-24: privat_JH
  • Kriegsklotz-Event 2. Sept. 2023 kl.-11: privat_JH
  • Hhdammtorkrieger: Staro1 bei commons.wikimedia

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