Stadthaus

Stadthaus

Am westlichen Rand der Hamburger City, an der Ecke Neuer Wall/ Stadthausbrücke, krönt eine prachtvolle Kuppel ein Gebäude, das in Hamburg als „Stadthaus“ bekannt ist, und heute das Haupthaus eines umfangreichen Gebäudekomplexes bildet, der nach dem II. Weltkrieg viele Jahre Sitz der Hamburger Baubehörde gewesen ist und nun nach der Privatisierung unter dem Namen „Stadthöfe“ geführt wird. In dem Gebäudekomplex finden sich neben Niederlassungen international agierender Firmen auch Luxuswohnungen und das Hotel „Tortue“. Es sollen noch einige exklusive Geschäfte hinzukommen. So soll ein „Viertel zum Verlieben“ entstehen, wie die Eigenwerbung verheißt. Versprochen wird „Unendliches Plaisir“ und „Savoir-vivre in den Stadthöfen“.  So weit so typisch für eine Stadt, in der sich die Politik oft den Interessen von Projektentwicklern und Immobilien-Konzernen verpflichtet gesehen hat und sieht.

Die Erinnerung an Nazi-Terror muss verstören, aufrütteln und aktivieren

Doch im vorliegenden Fall geht es um mehr und Wichtigeres: Das Stadthaus in seiner ursprünglichen Form war schon seit 1814 Sitz der Hamburger Polizei. Von 1933 bis zu seiner teilweisen Zerstörung im Jahr 1943 richtete hier auch die „Geheime Staatspolizei“ (Gestapo), ein ganz wichtiges Instrument der Nationalsozialisten bei ihren Unterdrückungs- und Vernichtungsmaßnahmen gegenüber ihren Gegnern, ihre Zentrale für Hamburg ein. Tausende Menschen wurden im Stadthaus verhört, gefoltert und manche auch ermordet. Auch wurde hier die Deportation von Juden, Roma und Sinti organisiert. Das Stadthaus war die Zentrale des nationalsozialistischen Terrorapparats für Hamburg und große Teile Norddeutschlands. Hier, mitten in der Stadt, nahmen Planung und Organisation der Verfolgung und Vernichtung ihren Anfang.

Die Berichte von Menschen, die die Torturen der Verfolgung durch den nationalsozialistischen Machtapparat überlebt haben, erschüttern und fordern Respekt. Viele von ihnen sind in Widerstandsgruppen aktiv gewesen oder hatten als einzelne und in Gruppen gegen die Terrorherrschaft opponiert. Darum ist das Stadthaus nicht nur ein Ort von brutaler Unterdrückung gewesen, sondern birgt auch die Erinnerung an den Hamburger Widerstand. Doch davon wollte in Hamburg, mit Ausnahme der von der Verfolgung betroffenen Opfer, viele Jahre niemand etwas wissen.

Erst 1981 brachte die gewerkschaftliche ÖTV-Gruppe der Baubehörde, die damals ihren Sitz im Stadthaus hatte, durch die Anbringung einer Gedenktafel für die Opfer der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Licht ins Dunkel der Geschichte. Und es brauchte noch einmal 20 Jahre, bis 2001 im Rathaus die Ausstellung „125 Jahre Hamburger Kriminalpolizei“ und weitere 11 Jahre, bis 2012 im Rathaus die Ausstellung „Dokumentation Stadthaus – Die Hamburger Polizei im Nationalsozialismus“ gezeigt wurden und keinen Zweifel an der herausragenden Bedeutung dieses Gebäudekomplexes für die Hamburger Erinnerungspolitik lassen konnten.

“Kopp hoch, Chérie” – so werben die Stadthöfe für diesen Ort, an dem einst gefoltert wurde.

Während die Politiker*innen noch die bei solchen Anlässen üblichen Reden von der Notwendigkeit der Erinnerung hielten, begannen im Zusammenhang mit der Privatisierung des Stadthauskomplexes im Hintergrund Planungen für einen Gedenkort, der mit den im Kaufvertrag und nachfolgenden Senatsdrucksachen genannten 750 qm Bruttogeschossfläche bzw. der sich daraus ergebenden Nutzfläche für die Präsentation der gepriesenen Ausstellung bereits knapp bemessen war. Im Jahr 2017 wurde dann bekannt, dass der Investor und neue Eigentümer des Gebäudekomplexes und die Behörde für Kultur und Medien für die Stadt Hamburg ein ganz eigenes Verständnis von einem „angemessenen“ Gedenken hatten: Im Ergebnis stellt eine privat betriebene Buchhandlung mit einem angeschlossenen Café in einer Größe von etwa 300 qm den größten Teil dieses „Geschichtsorts“ dar; für die Präsentation der Geschichte des Stadthauses im Nationalsozialismus und die Darstellung des Widerstands sind im Erdgeschoss Stadthausbrücke 6 nur noch etwa 50 qm vorgesehen (mit Schaufensterbereich 70 qm). Doch dieses Mal blieb die Politik der Verdrängung (im doppelten Wortsinn) nicht unwidersprochen, im Gegenteil:

„Unwürdiger Umgang“, „Was für eine Torheit“, „Der Gedenkort ist eine Blamage, krachend gescheitert“, „Hamburgs Geschichtsignoranz nimmt bizarre Formen an“ – die Berichte und Kommentare, u.a. von ZEIT, taz und Hamburger Morgenpost, Zeitungen, den Hamburger Regierenden meistens durchaus gewogen, sind eindeutig. Die Art und Weise, wie der Hamburger Senat im Schulterschluss mit dem Projektentwickler Quantum Immobilien AG die Erinnerung an die zentrale Bedeutung des Stadthauses als der Zentrale des nationalsozialistischen Terrorsystems klein zu halten versucht, stößt auf breite Ablehnung. Fast alle Gruppen und Initiativen, die die Erinnerung wach zu halten versuchen, protestieren. Zahlreiche Historiker*innen haben dem Ersten Bürgermeister ihre Einwände mitgeteilt. Der Senat und die ihn tragenden Parteien halten jedoch am Konzept des Investors fest, obwohl in der Buchhandlung entgegen der getroffenen Vereinbarungen auch nach den Aussagen des Senators Dr. Brosda im Kulturausschuss der Bürgerschaft nur ein „Erstinformationsort“ entstanden ist.

Am Mangel an Geld kann es nicht liegen. 15 Millionen Euro für die Sanierung des monströsen Bismarck-Denkmals stehen bereit. Man kann das kaum anders verstehen, als dass die Würdigung des Reichskanzlers Bismarck, des unnachsichtigen Verfolgers der Sozialdemokraten seiner Zeit, der SPD-geführten Regierung offenbar mehr wert ist als die Würdigung der Sozialdemokraten, deren Verfolgung im Stadthaus organisiert und exekutiert wurde. 35 Millionen Euro für das Nostalgie-Schiff „Peking“ werden von der Stadt Hamburg und – auf Initiative Hamburger   Bundestagsabgeordneter – vom Bund aufgebracht. „Bismarck“ und die Schiffsromantik sind dem Senat und der Hamburger Bürgerschaft scheinbar mehr wert als die dauerhafte Dokumentation der Verbrechen der Nationalsozialisten im Stadthaus und die Würdigung des Widerstandes. Dokumentation und Würdigung gehören zudem in die öffentliche Verantwortung und lassen sich grundsätzlich nicht „privatisieren“.

Wie ist das zu erklären? Warum mangelt es in der Stadt Hamburg hier am notwendigen politischen Willen?

Visualisierung einer angemessenen Nutzung als Gedenkstätte

Erstens: Es wird immer noch vermieden, über die Täter umfassend zu informieren, die ja zumeist nach 1945 im Dienst geblieben sind oder wiedereingestellt wurden. Das gilt in besonderer Weise für den Hamburger Polizeiapparat. In Hamburg sind auch nach 1945 zahlreiche Hamburger und Hamburgerinnen tätig gewesen, die u.a. als Sekretärinnen, Polizeibeamte, Gestapo-Männer am ebenso bürokratisch wie brutal betriebenen Terror beteiligt waren. Denn die Entnazifizierung im öffentlichen Dienst und damit auch der Polizei in Hamburg scheiterte endgültig mit dem vom Deutschen Bundestag verabschiedeten „Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter Artikel 131 des Grundgesetzes fallenden Personen“ vom 11. Mai 1951. Fast 1.600 Beamte kehrten daher zwischen 1951 und 1959 als sogenannte „131er“ in den Hamburger Polizeidienst zurück. Allerdings nicht mehr ins Stadthaus, denn nach 1945 wurde das Gebäude nicht erneut von der Polizeibehörde genutzt. Hier zog später die Baubehörde ein.

Zweitens: Ausführlich und respektvoll den Widerstandskampf zu dokumentieren und dabei auch über die Kontroversen zu informieren, ist immer noch heikel: Denn dazu gehört auch die Aufklärung über die in den 1950er Jahren betriebene Repression gegen die ehemaligen kommunistischen Widerstandskämpfer*innen.

Drittens: Offensichtlich soll alles vermieden werden, was den luxuriösen Glanz der Hamburger City und speziell der Stadthöfe stören könnte. So wurde die Erinnerung an die NS-Geschichte im Stadthauskomplex zunächst privatisiert, dann kommerzialisiert und genießbar gemacht: Flanieren, Cappucino genießen und gleich daneben einige Fotos von Menschen, die im Stadthaus gepeinigt und misshandelt wurden.

zum gesamten Flyer:   Flyer Stadthaus

Wer gehofft hatte, dass es in Hamburg keine Rückschritte in der Erinnerungskultur geben könnte und darauf vertraute, dass die Reden bei den alljährlichen Gedenkveranstaltungen im Rathaus und anderswo auch praktische Folgen haben würden, dürfte enttäuscht sein. Doch Enttäuschung muss nicht Resignation und Anpassung zur Folge haben. Vielmehr geht es darum, neue Formen des Protestes zu entwickeln und die regelmäßigen wöchentlichen Mahnwachen, die von der VVN organisiert werden, zu unterstützen.

Die Geschichte des Stadthauses muss (ver-)stören. Sie ist eine Herausforderung, allen völkischen, rassistischen, antisemitischen und auch heute den die Menschenrechte verachtenden Worten und Taten zu widerstehen.

Leicht überarbeitete Fassung der Einleitung zu der Broschüre „Das Stadthaus in Hamburg – Das Ringen um einen würdigen Gedenk- und Lernort“ herausgegeben von der Initiative Gedenkort Stadthaus, erhältlich gegen eine Schutzgebühr von 5 Euro bei der VVN, Hein-Hoyer-Str.41, 20359 Hamburg.

 

 

 

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