Empörung reicht nicht – “Bild” boykottieren!

Empörung reicht nicht – “Bild” boykottieren!

Vor einigen Tagen tötete eine Frau in Solingen fünf ihrer Kinder. Die Medien berichteten in ihrer großen Mehrheit mehr oder weniger zurückhaltend darüber. Anders Springers „Bild“: Deren Redaktion entschied sich, Textnachrichten zwischen dem einzigen überlebenden 11jährigen Kind der Familie und dessen 12-jährigen Freund abzudrucken, inklusive Fotos und Namen.

Die Empörung über diesen erneuten Bruch journalistischer Grundregeln ist allenthalben groß. „Wie tief kann man sinken?“ fragt die SZ und schreibt von „Missbrauch“ und dass das Geld, das damit verdient wird, stinke. In einem Kommentar auf t-online ist von „Verrohung“ die Rede und davon, dass „nicht jeder, der sich mit einem Presseausweis bewaffnet, Journalist genannt werden sollte.“  Der Schriftsteller Max Goldt hat das auf „Bild“ bezogen einmal so zugespitzt: “Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.“ Auf den aktuellen Anlass bezogen stimmt hier jedes Wort. Und auf einen anderen Maßstab bezogen stimmt auch das: Gegen Julian Reichelt und seinen langjährigen Vorgänger Kai Diekmann ist Attila Hildmann eine kleine braune Leuchte.

Wichtiger aber als all diese Empörung ist die Frage, was aus ihr folgt. Denn Empörung ohne Konsequenzen schafft Gewöhnung und Resignation und bereitet somit den Boden für Wiederholung. So verweist die SZ zurecht auf die Namen der Personen, die mit den Medienkonzernen eng verbunden sind und die auf ihre Ehrbarkeit meist großen Wert legen: Friede Springer für Springers „Bild“ und Liz Mohn für Bertelsmanns RTL, der die Blaupause für den „Bild“-Bericht gab und fragt, wann es denen „mal peinlich“ wird. Das reicht aber nicht. Zumal jede Hoffnung darauf, dass der Presserat, ein Gremium der freiwilligen Selbstkontrolle, diesen erneuten Tabubruch mehr als nur rügen dürfte, enttäuscht werden wird. Darum ist die taz deutlich konkreter (https://taz.de/Nach-Solingen-Berichterstattung/!5708395/):  Trotz aller bisherigen Skandale und Rügen spiele die „Bild“ immer noch oben mit, bekommt exklusive Interviews mit Promis und Politikern.  „Damit muss Schluss sein. Jeder sollte dieses Blatt boykottieren: LeserInnen, indem sie kein Geld dafür ausgeben, JournalistInnen, bei Bild oder Springer, indem sie sich einen anderen Job suchen. Unternehmen, indem sie dort keine Anzeigen schalten und PolitikerInnen, indem sie dem Blatt keine Interviews mehr geben.“

Diese Initiative ist richtig und der aktuelle Vorfall macht es notwendig, ihn praktikabel zu machen und umzusetzen. Dazu folgender Vorschlag für einen ersten Schritt: Die großen Verbände, Institutionen und Organisationen – z.B. die Sportverbände, die Kirchen und Gewerkschaften sowie die Parteien – unterbrechen solange jedwede Zusammenarbeit mit der „Bild“, bis der Springer-Verlag glaubhaft und nachhaltig eine selbstkritische Revision seiner Geschäftspolitik vollzogen hat. Konkret: Die Repräsentanten dieser zivilgesellschaftlichen Organisationen und deren Presseabteilungen unterbrechen alle Kontakte zu Mitarbeiter*innen der „Bild“, bedienen sie nicht mehr mit Informationen und beantworten umgekehrt keinerlei Anfragen. Dieser Schritt wird – am besten gemeinsam – öffentlich erklärt und begründet.

Die Kirchen wären dafür prädestiniert. Und so liegt es nahe, dass die Kirchenleitung der Ev. Kirche im Norden mit ihren guten Kontakten zum Erzbistum Hamburg und dem DGB Hamburg dazu den Anstoß gibt. Wenn das gelänge, wäre es ein respektabler Beitrag gegen die Verrohung des gesellschaftlichen Klimas und vor allem gegen die, die damit viel Geld verdienen.

PS.

Aufgrund der Proteste drückt “Bild” nun nachträglich sein Bedauern aus, verteidigt aber gleichzeitig seine Veröffentlichung. Einsicht sieht anders aus und eine Korrektur ist nicht vorgesehen. Und die vom Presserat angekündigte Prüfung wird auf sich warten lassen.

 

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