“Prügelknaben der Nation”?

“Prügelknaben der Nation”?

Gepriesen als „Deutschlands bekannteste Pfarrerin“ kommentierte Margot Käßmann Ende September in der “BILD am SONNTAG” die Enthüllungen über rassistische und faschistische Chat-Gruppen in der Polizei in Nordrhein-Westfalen und die öffentlichen Reaktionen darauf.

Liebe Margot Käßmann, möchte man rufen, sind Sie von allen Ihren guten Geistern verlassen?!  Während der NRW-Innenmister Herbert Reul am 17. September vor dem Landtag von einer „Abscheulichkeit“ spricht, „die ich nicht für möglich gehalten hätte“, findet die beliebte Kirchenfrau die Nazi-Umtriebe nur „erschreckend“ und „beunruhigend“, um dann sogleich – und die dicken Lettern zeigen, dass es genau darum geht:  – die Blickrichtung umzudrehen: „Polizisten sind oft die Prügelknaben der Nation“.  Als konkrete Beispiele nennt Käßmann die Autonomen in Connewitz und die Demonstrationen von Verschwörungsgläubigen, stützt damit ganz das Links-Rechts-Schema. Und sie belässt es nicht bei der Klage, sondern ermutigt die angeblichen Geprügelten: „Das lässt sich nur aushalten, wenn du spürst und weißt: Die anderen stehen hinter mir. Sie sind stolz darauf, dass ich mich hier für die Demokratie und unser Land einsetze! Das müssen Polizeikräfte auch hören, erfahren, erleben! Es ist ein großartiger Beruf, der viel fordert.“

Diese kameradschaftliche Empathie lässt vergessen, dass der Anlass der Kolumne die zufällige Enttarnung einer seit Jahren aktiven faschistischen Gruppe von gut zwei Dutzend Polizisten war, die sich u.a. an Bildern von Adolf Hitler und der fiktiven Darstellung eines Flüchtlings in einer Gaskammer gegenseitig erfreuten.  Doch bei Käßmann wird aus der Nazi-Propaganda rechtsextremes „Gedankengut“ (welch eine Adelung für Nazi-Ideologie!) und aus der programmatischen Mord-Ankündigung werden „Gewaltfantasien“.  Das findet sie schon auch „erschreckend“ und „beunruhigend“ und natürlich „gut, wenn schnell und klar aufgeklärt wird, wo es Haltungen gibt, die mit der Verfassungstreue unvereinbar sind“.  Haltungen? Netter lassen sich die Nazi-Mordvorstellungen (und –Drohungen wie in Frankfurt) nicht weichspülen und so stellt sich die Frage, wie das bei jemandem, die so gekonnt mit Sprache umgeht, passieren kann.

Mit diesem Gedankengang bedient Käßmann zwei gängige Narrative. Zum einen das Narrativ von der Polizei als Opfer, das die Führung der Polizei zuverlässig immer dann einbringt, wenn Kritik an ihr laut wird, zum anderen das Narrativ von rechtsextremen Einzelfällen, mit dem eine wissenschaftliche Untersuchung über strukturellen Rassismus bei der Polizei vom Bundesinnenministerium abgelehnt wird. Und Käßmann tut das in einer Zeit, in der es seit langem erstmals wieder zu gelingen scheint, diese Narrative öffentlich in Frage zu stellen, wie die breit geführte Debatten um die Analysen von Kriminologen wie z.B. Rafael Behr von der Polizeiakademie Hamburg zeigen. Käßmann stellt sich damit auf die Seite derer, die diese mühsam geöffneten Debatten am liebsten verhindern wollen und stellt dafür ihre Popularität der BILD zur Verfügung, die das in den BILD-Jargon ummünzt. Man muss schon ziemlich weit in Richtung AfD gehen, um die zu finden, die auf einen derartigen Impuls eines als liberal geltenden Kirchenpromis gewartet haben.

So bleibt alles auf der Strecke, was jetzt wichtig wäre:

  • Kritische Fragen zur Cop Culture oder gar Empathie für die Menschen, die von den Nazi-Polizisten virtuell und den Followern solcher Ideologien dann auch real bedroht werden, interessieren Käßmann nicht.
  • Käßmann könnte fragen, wie es so viele andere tun: Wie ist zu erklären, dass solche Nazis bei der Polizei eingesetzt waren? Wie werden sich diese Rassisten in ihren Einsätzen z.B. gegenüber Flüchtlingen oder anderen von der biodeutschen Norm abweichenden Menschen verhalten? Aber Fehlanzeige.
  • Und wie ist zu erklären, dass solche Polizisten gar nicht oder eher durch Zufall enttarnt werden? Viele Beispiele und eine Analyse der Nazi-schützenden „Cop Culture“ präsentiert Mohamed Amjahid in der taz.
  • Die BILD-Autorin könnte auch gelesen haben und zu bedenken geben, dass es noch weitaus mehr Polizisten gibt mit rassistischen, antisemitischen und faschistischen  Überzeugungen. Während Seehofer in den knapp  400 Verdachtsfällen („Jeder einzelne eine Schande“) insgesamt nur eine Bagatelle sieht, wurden am selben Tag allein aus NRW ca. 100 neue Fälle rassistischer Umtriebe bei Polizist*innen bekannt.
  • Zu berichten wäre vom „racial profiling“, das Menschen mit „undeutschen“ Merkmalen immer wieder von Polizisten und anderen Sicherheitskräften erleben und erleiden.
  • Auch könnte frau und man sich erinnern: War es nicht bei den NSU-Morden so, dass die Polizei, geleitet von rassistischen Grundeinstellungen, die Täter im familiären und gesellschaftlichen Umfeld zu finden versuchte und damit noch zusätzliches Leid über die Angehörigen der Ermordeten brachte?
  • “Wir wurden eher wie Verdächtige behandelt denn als Opfer.” So kritisierte ein Rabbi, der während des mörderischen Anschlags in Halle in der Synagoge war, das Verhalten der Polizei.
  • Aufschlussreich ist auch, dass es allein bei den Abgeordneten der AFD auf Bundes- und Landesebene im Vergleich zu den anderen Parteien einen überproportional hohen Anteil von Polizeibeamten gibt. Was vor dem Hintergrund der auch nach 1945 noch weitgehend nazifizierten Polizei nicht überraschend ist.
  • Schließlich muss erinnert werden an die großen Demonstrationen in Gorleben und Grohnde, Brokdorf und Stuttgart 21, bei denen – propagandistisch angefeuert von BILD –  ganze Polizeieinheiten eher als Prügeltruppen agierten denn als Prügelknaben litten.

Das alles weiß natürlich auch Käßmann und sie wird es missbilligen, hatte sie ihre Basis und den Rückhalt für ihre Karriere doch selbst in den Bewegungen für Frieden, Gerechtigkeit und Umwelt. Warum aber wird das in ihrer Kolumne völlig ausgeblendet? Warum fällt sie eben den Polizist*innen in den Rücken, die sich um Aufklärung und demokratisches Bewusstsein bemühen, und das nicht ohne Risiko? Denn sie müssen anonym bleiben, wenn sie auf rassistische und faschistische Umtriebe in ihren Einheiten hinweisen.

Seit 2014 ist Margot Käßmann als Kolumnistin für die „Bild am Sonntag“ tätig. Es wäre ein Zeichen der Solidarität für die Tausenden von Menschen, die von Bild diffamiert, beschämt, erpresst und auf viele andere Weise in ihrer Menschenwürde attackiert wurden und werden wie zuletzt in Solingen, wenn die ehemalige Bischöfin die durch ihre Kolumnen betriebene Aufwertung von BILD beenden würde. Dass sie klare und selbstkritische Entscheidungen treffen kann, hat sie 2010 nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss mit ihrem Rücktritt vom Bischofsamt gezeigt. Doch wie harmlos ist ein solches Vergehen im Vergleich zur moralischen Aufwertung von BILD? Und es dürfte doch leichter sein, sich von BILD zu trennen als von einem Bischofsamt?

Und auch folgendes muss noch gesagt sein: Margot Käßmann krönt ihre BILD-Kolumne mit einem Bibelspruch: „Tut Ehre jedermann“ (1. Petrus 2,17). Doch was sich so glatt wegliest und die BILD-Gemeinde eher nicht interessiert, enttarnt sich bei etwas Bibelkenntnis als hintergründig  und sperrig. Denn der 1. Petrusbrief, dem das Zitat entnommen ist, gibt Handlungsanweisungen für das Verhalten von Christ*innen in einer Zeit der Verfolgung: Der Kaiser und seine Statthalter sollen respektiert werden, Sklavinnen und Sklaven sollen sich auch den grausamen Herren und Herrinnen unterwerfen, Frauen ihren Männern, alle sollen in der Nachfolge von Jesus Christus ihr Leiden ertragen. Will die Theologin mit ihrem Zitat also verschlüsselt eine Ähnlichkeit zwischen der frühen römischen Kaiserdiktatur und der gegenwärtigen deutschen Staatsgewalt, also auch der Polizei nahelegen?  Das wäre schon hintersinnig radikal.  Doch was bedeutet dann „Tut Ehre jedermann“? Unterwerfung und Verehrung der staatlichen, der männlichen und der ausbeutenden (Sklavenhalter) Macht?  Ein Rätsel.

 

Sehr zu empfehlen zum besseren Verständnis der Geschäftspolitik und des Erfolges von BILD sind die leider immer noch aktuellen Bücher von Gerhard Henschel:

„Gossenreport – Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung“,  Rowohlt 2006  und „Offenbarung – Die Springerbibel“  Konkret Literatur Verlag 2008  (als Antwort auf die BILD-Benedict-Bibel)

Bildquellen

  • man-2460186_1920: fsHH auf Pixabay

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