Erschreckend und respektlos: STIGMA – eine „fleischfarbene Reparaturspur“ vor dem Stadthaus

Erschreckend und respektlos: STIGMA – eine „fleischfarbene Reparaturspur“ vor dem Stadthaus

Auffallend kurzfristig wurde von der Kulturbehörde zum Beginn der Bauarbeiten für das Bodenrelief „Stigma“ am 4.10. gemeinsam mit Kultursenator Brosda und dem Künstlerinnenduo „missing icons“ vor dem Stadthaus eingeladen – hier im Vordergrund zu sehen.  Damit sollte offenkundig die langjährige Auseinandersetzung um die Gestaltung eines angemessenen Dokumentations-, Lern- und Gedenkortes in und an der Hamburger und norddeutschen Zentrale von Gestapo und Polizei zum Ende gebracht werden. *)

Während Mitglieder der VVN-BdA, die seit gut drei Jahren mit wöchentlichen Mahnwachen am Freitagnachmittag vor dem Stadthaus präsent sind, die Forderung nach einem angemessenen Gedenkort vortrugen, protestierte ich gegen das Kunstwerk Stigma selbst. Hamburger Morgenpost und ZEIT-Elbvertiefung berichteten. In der Begründung für meine Ablehnung von Stigma habe ich geschrieben:

Die beiden Künstlerinnen von Missing Icons erklärten selbst zu ihrem Kunstwerk Stigma: „… wir haben einen nachdrücklichen Eingriff in die Stadtwirklichkeit vorgeschlagen. Der skulptural-plastische Prozess, das heißt die Zerstörung und anschließende Reparatur des Bürgersteigs vor den Stadthöfen, soll direkt unter den Augen der Öffentlichkeit stattfinden.“ In einem Medienbericht hieß es: „In die buchstäblich freigeschlagenen, unterschiedlich großen Flächen und die sie verbindenden dünneren Adern werden die Künstlerinnen Ute Vorkoeper und Andrea Knobloch eine federnde Tartanfüllung einfügen, wie sie auf Kinderspiel- und Sportplätzen verwendet wird. Die rosa Farbe soll an Haut, Fleisch oder Blut erinnern. „Die Farbe soll eine Ahnung von Schmerz transportieren.“ Als Ergebnis dieser „plastischen Chirurgie“ bleibe dann eine „fleischfarbene Reparaturspur“.

Das ist in der Tat ein „deutliches Denkzeichen“, wie die Kulturbehörde das Kunstwerk charakterisiert, allerdings nicht für eine verstörende Erinnerung, sondern für die Respektlosigkeit gegenüber den Menschen, die im Stadthaus malträtiert wurden.

Die am Stadthaus vorbeigehenden Menschen gehen über das Blut hinweg, treten auf Haut und Wunden. Und weil sich „haptisch“ ein Gefühl wie auf einer Sportfläche einstellt, wird ihr Schritt ein leichter und federnder. Sie könnten von Fläche zu Fläche hüpfen. Ja, die Menschen auf dem Gehsteig wären irritiert, aber auf eine angenehme, fast spielerische Weise.

Am Ende fügt sich Stigma so in die Luxus-Verheißung der Stadthöfe als Quartier zum lustvollen Flanieren und Konsumieren. Das passt zum Umgang der Kulturbehörde und der Eigentümer der Stadthöfe mit all den Menschen und Initiativen, die sich für einen würdigen Dokumentations- und Gedenkort Stadthaus einsetzen.

 

Nachbemerkung:

Das passt zur Schlussstrich-Hektik des Senators und der Künstlerinnen: Anders als im von der Jury ausgewählten Entwurf vorgesehen, erstrecken sich die roten Tartan-Flächen nicht einmal bis zum Lesesaal-Geschichtsort, sondern enden vor dem neuen Möbelgeschäft. Zudem sieht es so aus, dass die von der Jury geforderten Erklärungstafeln zu Stigma nicht geben wird.

*) Siehe dazu auch unseren früheren Beitrag.

Bildquellen

  • ATT00016: privat

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