Moralkeule mit falschem Bezug

Moralkeule mit falschem Bezug

Am 15. Oktober kommentierte Evelyn Finger in der ZEIT (hier lesen) die Entscheidung, die „Heiligen drei Könige“ wegen der eindeutig rassistischen Darstellung des König Melchiors im  Weihnachtskrippen-Ensemble des Ulmer Münsters nicht weiter auszustellen. Sie kritisiert diese Entscheidung als Ausdruck einer „Cancel-Culture“ und verweist als Alternative auf die Wittenberger Stadtkirche, mit jedoch sachlich unzutreffendem und deshalb politisch untauglichem Bezug, auf den ich mit meinem Leserbrief hingewiesen habe:

Da wirbelt die Kommentatorin aber ordentlich mit ihrer Moralkeule gegen die Ulmer Gemeinde im Besonderen und im allgemeinen gegen all jene Menschen und Gruppen, die sich nicht abfinden wollen mit rassistischen oder antijüdischen Darstellungen in Kirchen und öffentlichem Raum.

Diese Bemühungen in Ulm und anderswo und die dadurch herausgeforderten Debatten in den Kontext des „Totalitären“ des vorigen Jahrhunderts zu verorten und als  „Sehnsucht nach Unfehlbarkeit“ abzukanzeln, zeugt weniger von Diskursbereitschaft als vielmehr von Abwehr der bitteren Erkenntnis, dass die Mohrenfigur in Ulm ebenso wie koloniale Heldenverehrungen und kriegsverherrlichende Kriegerdenkmäler für einen Teil der Gesellschaft wieder attraktive Bezugspunkte werden. Die mörderischen Attacken in Hanau, Halle, Chemnitz… sind der brutalste Beweis für die anhaltende und zunehmende Wirksamkeit von Rassismus, Antisemitismus und deutsch-nationaler Kriegstümelei.  Das wird gewiss auch von der Kommentatorin mit Sorge gesehen. Wie kommt sie dann aber dazu, den Widerstand gegen diese Entwicklung als „Sehnsucht nach Unfehlbarkeit“ zu diffamieren?

Aber immerhin kommt trotz dieser ideologischen Keulenschläge das Zugeständnis: „Wir sollten uns auf sichtbare Weise distanzieren.“ Als Beispiel für eine gelungene „Verfremdung“ verweist Evelyn Finger auf die „Scheußlichkeit“ der sog. Judensau an Luthers Predigtkirche in Wittenberg.  Ein „Mahnmal für die ermordeten Juden direkt neben der Kirche“ mache „es möglich, dass Zerrbild der Judensau zu erhalten“.

Doch ist dieser Vorschlag haltlos, wie die Autorin bei einer Recherche selbst hätte feststellen können. Denn das sog. Mahnmal befindet sich nicht neben der Kirche, sondern ist ein leicht übersehbares Bodenrelief in der Größe und Form eines Gully-Deckels am Fuß der Kirche. Doch erschreckender ist ein genauerer Blick auf Gestaltung und Inschrift des „Mahnmals“. Denn da ist zu lesen: „Gottes eigentlicher Name …. starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen.“ In der Shoah wurden sechs Millionen jüdischer Menschen ermordet. Ob dadurch auch Gottes Name starb, ist eine ernste Frage vor allem für die Gemeinschaft derer, zu denen die Ermordeten gehörten. Wenn der Tod Gottes aber von der lutherischen Gemeinde in Wittenberg proklamiert wird, dürfte sie nie wieder Gottes Namen nennen. Sie tut es dennoch, und sie geht noch einen Schritt weiter, der direkt ins Antisemitische führt. Die Bodenplatte zitiert in hebräischer Schrift, also direkt an die jüdischen Betrachter gerichtet, den Anfang des Psalms 130, der in seiner Anrufung G“ttes die Sünden des Beters bekennt. Auschwitz soll verstanden werden als Folge der Sünden des jüdischen Volkes. Insgesamt erweist sich das sog. Mahnmal als Konzentrat der antijüdischen Theologie Martin Luthers und stellt somit eine moderne Version der Kirchensau dar, in erschreckender Weise die antisemitische Version einer „Theologie nach Auschwitz“. So ist es konsequent, dass das sog. Mahnmal ganz auf eine Aufklärung über Martin Luthers antijüdische Tiraden in eben dieser Kirche verzichtet.  Erschreckend ist, dass diese, die 6 Millionen in der Shoah ermordeten jüdischen Opfer noch in ihrem Tod demütigende Bodenplatte als Beleg für die Bußfertigkeit der Kirche und als Beispiel für eine gelungene Kommentierung angeführt wird.

Bildquellen

  • alphabets-1839737_1920: Pexels von pixabay

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