„Ich wurde nie aufgefordert, zurückzukommen.“   Miriam Gillis-Carlebach wäre am 1.Februar 100 Jahre alt geworden.

„Ich wurde nie aufgefordert, zurückzukommen.“ Miriam Gillis-Carlebach wäre am 1.Februar 100 Jahre alt geworden.

Vor genau zwei Jahren, am 31. Januar 2020 starb Miriam Gillis-Carlebach im biblischen Alter von 98 Jahren in ihrem Schutzland Israel. Morgen, am 1. Februar wäre sie 100 Jahre alt geworden. Warum lebte sie nicht in Hamburg, der Stadt, in der sie als Kind und Schülerin aufwuchs? Und warum kam sie doch immer wieder hierher, was bedeutete ihr diese Stadt? Aber vor allem: Was bedeutet diese Frau für uns Heutige in Hamburg und vor allem in Altona?

Geboren in Lübeck als drittes von neun Kindern des berühmten Rabbiners und Gelehrten Joseph Carlebach lebte sie seit ihrem dritten Lebensjahr in Altona. Sie geht zur Schule und ist in das jüdische Gemeindeleben integriert. In ihrem Buch „Jedes Kind ist mein einziges“ über ihre Mutter Lotte Carlebach erinnert sich Miriam Carlebach an diese glückliche Zeit: „Mein Jüdischsein war mir selbstverständlich und eigentlich wunderbar: ich liebte den Schabbat und die Feste, das hebräische Gebetbuch, alle Vorschriften, die Schul und natürlich meine Eltern, diesen Inbegriff der heimischen jüdischen Atmosphäre.“

In dem Rabbiner-Haus mit seinem großen Garten in der Palmaille lernt Miriam auch die selbstverständliche Hilfsbereitschaft für alle Menschen, die darauf angewiesen sind, sogar wenn sie sich feindselig verhalten: „Täglich fanden dort (in der Palmaille) langstündige Aufmärsche statt von Männern in Braunhemden, die links und rechts und geradeaus marschierten und ihre Gewehre auf – und abschulterten. Auch kleine acht- oder zehnjährige Jungen waren schon frühmorgens paradebereit und wurden stundenlang gedrillt. Da kam es des Öfteren vor, dass einer der schmächtigen kleinen ganz einfach zusammenklappte und ohnmächtig wurde. Diese Kinder wurden dann ohne viel Aufstand in unser Haus gebracht. … Mutti gab den strohblonden, uniformierten Jungen Tee und legte ihnen feuchte Taschentücher auf die Stirn, streichelte manchmal sogar über ihr blasses Gesicht und sagte: Nu nebbich, zum Erbarmen, es sind doch nur kleine Kinder.“

Kinder nicht für die bösen Taten ihrer Eltern verantwortlich zu machen und ihnen mit Freundlichkeit zu begegnen, das lernt Miriam als einen Grundzug jüdischer Religion und Kultur kennen. Und das wird ihr weiteres Leben als Lehrerin, Professorin und Mutter prägen.

Hilfsbereitschaft bedeutet schon für die junge Miriam aber nicht Verzicht auf Protest und Widerstand. Sie berichtet: „Mein Jüdischsein empfand ich als selbstverständlich. …. Deswegen empfand ich es als äußerst ungerecht, dass plötzlich an verschiedenen Stellen, an Hauseingängen … kleine Zettel mit gemeinen Aussprüchen über Juden angeklebt waren wie etwa: ´Die Juden sind unser Unglück´ und andere boshafte Ausdrücke. Meine ganz natürliche Reaktion war, wenn irgend möglich, sie abzureißen. Obwohl ich keine Ahnung hatte, was für Folgen dieser Handlung haben könnte, war ich instinktiv sehr vorsichtig … Einmal, nachdem ich blitzschnell einen Zettel abgerissen hatte und versuchte, mich schleunigst aus dem Staub zu machen, wurde ich von Leuten auf der Straße gefragt, ob ich jemanden gesehen hätte der schnell weggelaufen sei. Ich machte einen Knicks und schüttelte den Kopf – so wurde ich, und vor allem meine Eltern, durch mein naiv – deutsches Aussehen vor schlimmsten Folgen bewahrt. Ein anderes Mal fand in einem sehr vornehmen Hauseingang auf der weißgrauen, gemergelten Marmorwand einen Zettel: ´Große Klappe, wenig Geist, das ganze A. H. heißt`. Da nichts gegen die Juden auf diesem Zettel stand, ließ ich ihn gnädigerweise unbeschädigt.“

1938, nur wenige Wochen vor der Pogromnacht mit ihrer Zerstörung von Synagogen und der Inhaftierung, Misshandlung und Ermordung von jüdischen Deutschen reist Miriam, sie war gerade 16 Jahre alt, aus nach Palästina. Es war eine Flucht vor der deutschen Nazi-Barbarei. Erst viele Jahre später erfährt sie, dass ihre drei jüngsten Schwestern, ihre Mutter und ihr Vater in Riga mit tausenden anderer jüdischer Menschen ermordet worden sind. In einem Kibbuz lernt sie den Lehrer Moshe Gillis kennen. Sie heiraten 1944 und bekommen vier Kinder. Nach deren Einschulung beginnt Miriam Gillis-Carlebach eine pädagogische und wissenschaftliche Laufbahn. Vor allem arbeitet sie an der Dokumentation und Weiterentwicklung der pädagogischen Werke ihres Vaters und gründet später in Tel Aviv das Joseph-Carlebach-Institut. Nach Deutschland will sie in diesen Jahren nicht zurückkehren, verzichtet auf ihre Muttersprache.

Doch 1983 reist Miriam Gillis-Carlebach zum ersten Mal nach 45 Jahren in ihre Kindheitsstadt Hamburg zurück. Aus Trotz, wie sie sagt, denn zu einer großen Feier in Erinnerung an den 100. Geburtstag ihres berühmten Vaters ist sie nicht eingeladen. Sie wird einfach ignoriert. Das wird sich aber bald ändern. Bei einer Handvoll akademischer Lehrerinnen und Lehrer findet sie Aufmerksamkeit und Würdigung und ist über viele Jahre an den Veranstaltungen des Joseph-Carlebach-Arbeitskreises an der Universität Hamburg beteiligt. Freundschaften entstehen. 1995 wird Miriam Gillis-Carlebach zur Ehrensenatorin der Universität berufen. Doch trotz aller Ehrungen bleibt ihr von der Stadt Hamburg das versagt, was selbstverständlich hätte sein müssen. „Ich wurde nie aufgefordert, zurückzukommen.“ Als eine Hamburger Bürgerin!

Das einzige Haus, in das sie immer wieder gern zurückkehrte und in dem sie immer willkommen geheißen wurde, war das Kinderhaus Sternipark in der Wohlers Allee 56. Es war tatsächlich ein Zurückkehren, denn dieses Haus war früher ein jüdisches Volksheim mit vielen sozialen Angeboten auch für Kinder gewesen, an das Miriam Carlebach sich gern erinnerte. Zwei Generationen später konnten die Kinder im behutsamen und trotz allem auch fröhlichen Gespräch mit Miriam Carlebach erfahren, was jüdisches Leben und seine Verfolgung in Altona bedeutete. Das Spielen und Singen gemeinsam mit dieser alten Frau hat gewiss bei vielen dieser Kinder (und ihrer Eltern!) zu einer widerständigen Einstellung gegen jeglichen Antisemitismus und andere Feindseligkeiten gegen „die Fremden“ beigetragen.

Auch wenn Miriam Carlebach sich nicht für erinnerungs- oder gar parteipolitische Zwecke einspannen ließ, schwieg sie nicht zu brisanten Auseinandersetzungen. In dem von Jens Huckeriede produzierten Film „Beth Hachajim, Haus des Lebens“, der den Streit um den jüdischen Friedhof in Ottensen am Ende der achtziger Jahre dokumentiert, ist vor dem Bauzaun um die Baugrube für das zukünftige Mercado Einkaufszentrum eine traurige Miriam Carlebach zu sehen. Auch wenn dieser mehr als 300 Jahre alte Friedhof nicht mehr für Begräbnisse genutzt worden war, war er doch ein bedeutender kultureller und repräsentativer Ort für die jüdische Kultur in Altona. Gegen die angeblich rechtmäßige Beseitigung dieses Ortes sagte Miriam Gillis-Carlebach einfach: „Es gibt über dem Gesetz auch eine moralische Einstellung.“ Und nachdenklich sagt sie an anderer Stelle: „Vielleicht haben wir uns damals nicht genug aufgelehnt. Wir müssen uns jetzt auflehnen und zeigen, dass wir starke Juden sind.“

Miriam Carlebach hat es in der Situation selbst nicht erlebt, aber sie wusste wohl von den bösartigen antisemitischen Kommentaren, in denen die protestierenden jüdische Männer als „Mistviecher“ bezeichnet wurden und Sätze wie diese nicht nur leise, sondern laut herausgerufen wurden „Die haben sie vergessen zu vergasen.“

Aus tiefer jüdisch religiöser Überzeugung und humanistisch pädagogischer … praktizierte und lehrte Miriam Gillis Carlebach Freundlichkeit und Respekt. Das machte es allen Menschen jungen und alten leicht, ihr zuzuhören und mit ihr zu sprechen. Dabei wusste sie aus eigener schmerzlicher Erfahrung, dass ganz normale Nachbarn ebenso wie akademisch gebildete Professoren eben dann, wenn es darauf angekommen wäre, den jüdischen Menschen Verachtung statt Respekt, und Gehässigkeit statt Freundlichkeit und Verrat statt Solidarität entgegenbrachten.

Es ist an der Zeit, dass Miriam Gillis-Carlebach auch öffentlich erinnert wird, am besten durch einen Straßennamen in Altona an der Palmaille oder in der Nähe des Rathauses. Ein Straßenname macht nichts wieder gut. Aber er erinnert uns an eine jüdische Gelehrte, von der zu lesen und zu erzählen in einer Zeit wieder zunehmender antijüdischer Worte und Taten Klarheit schaffen kann.

Auch wenn ich skeptisch bin, hoffe ich doch, dass die Bezirksversammlung Altona aktiv wird.

 

Dieser Beitrag erschien am 1. Februar in der Hamburger Morgenpost und ist hier abzurufen.

Das Foto zeigt Miriam Gillis-Carlebach vor dem ehemaligen jüdischen Volksheim in der Wohlers Allee zusammen mit Kindern des Kinderhaus Sternipark, das sie oft besucht hat. 

 

 

Bildquellen

  • M. Gillis-Carlebach vor dem Kinderhaus Heinrichstraße: Kinderhaus

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